Gastbeitrag: Im Alter liegt die Würde
Im Alter liegt die Würde
Nach einem kräftigem, verheissungsvollem und mit Rückschlägen versehen Leben, das dem Ende entgegen läuft, innehalten, sich besinnen und geniessen. Einfach sein und ob der Lebenserfahrung die Ruhe durch die Finger gleiten lassen, wahrnehmen, erfahren, lernen und lehren. Das Alter hat in unserer Gesellschaft die Würde längst abgelegt. Alte Leute verursachen Aufwand, Arbeit und kosten Geld. Sie nützen nichts mehr, ihr Wert ist längst versiegt in den Epochen unserer Wirtschaft, deren Inhalt Gehaltlosigkeit ist. Unserem höchsten Gott, dem Geld und der Macht, ist nur junges Blut genehm. Abgenützte Menschen sind sinn- und zweckfrei.

Derweil ist das hohe Alter ein Genuss und zugleich ein Verdienst. Die Würde kommt dort zur höchsten Güte. Es gibt kein Grund mehr, sich zu beeilen, keinen Anlass, sich einem Widersacher zu beugen und die Zeit scheint einem davonzulaufen, aber in Wahrheit wird man selbst zur Zeit und geht mit ihr – dorthin, wo uns das Geheimnis des Lebens hinträgt. Und wenn die Gesundheit da ist, ist auch das Glück nicht weit. Im Alter muss man nichts mehr tun. Man darf es tun.
Manchmal schaue ich auf zu meinem Vater, der ein strenges und hartes Leben gelebt und sich nun zur Ruhe gesetzt hat. Rückschläge haben ihn sein ganzes Leben begleitet. Er ist nie liegen geblieben, aber oft erneut umgefallen, um wieder und wieder aufzustehen. Ich wünschte, ich hätte die Kraft, Gleiches zu tun. Und so schaue ich auf zu ihm, der nun in der Ruhe des Alters seine Enkel mit Freude beobachtet, ein Glas Wein geniesst und von Zeiten erzählt, in denen es auch schon Banditen und Zeitdiebe gab. Die Herausforderungen unserer Zeit sind ihm nicht fremd; er kennt sie. Aber sie betreffend ihn nicht mehr direkt. Sie gleiten ab. Am Alter, an der Erfahrung, an der Würde und an seiner stärksten und beeindruckendsten Eigenschaft: Er gesteht sich ein, dass er nicht alle Grenzen überwinden kann und will. Diese intelligente und kompetente Einstellung wünschte ich mir auch, um manchmal etwas gelassener zu sein.
Würde hat etwas mit Ruhe zu tun. Und Ruhe setzt Gelassenheit voraus. Im Wissen, dass sich schlussendlich unsere Welt ihrer Bestimmung beugt, liegt die Stille und zugleich das Glück. Und damit schliesst sich auch jedes Menschenleben seiner Bestimmung an. Es ist endlich.
“Der Wunsch, einen eigenen Tod zu haben, wird immer seltener. Eine Weile noch, und er wird ebenso selten sein wie ein eigenes Leben.” Rainer Maria Rilke
Würde und Heimat sind wie ein Ding, ein Wort und ein Sein. Und darin findet auch das Sterben seine Umgebung. Ruhe und Gelassenheit sind Werte, die wirkliches Sein ermöglichen. Und sie gedeihen in der Heimat am prächtigsten. Heimat ist dann da, wenn ihr der Tod nichts anhaben kann.
Das Bild schuf mein Vater im Jahre 1963. Er nannte es “Heimat” und es zeigt sein Elternhaus in Obersteinach im Kanton St. Gallen. Was Heimat bedeutet, welche Kraft darin schlummert und wartet, erweckt zu werden, lerne ich noch immer von ihm. Und ich versuche das alles weiterzureichen an meinem Sohn. So dass auch er lernen und erfahren möge, was Heimat ist, um mit Würde, Gelassenheit und Ruhe diese Welt dereinst zu verlassen. Unser Menschsein ist endlich.
anmerkung:
dieser text ist im rahmen des blogwichtelns entstanden












Ein sehr besinnlicher Text, der zum Nachdenken anregt.